Der Hühnerwahnsinn – sponsored by EU

Der Leichenwagen einer Hühner-Fabrik - die Arbeitsbilanz eines Impftages.

Der Leichenwagen einer Hühner-Fabrik – die Arbeitsbilanz eines Impftages. Ein Screenshot, gewonnen aus verdeckt gedrehtem Videomaterial.

Wer beim Daimler am Fließband ein Werkstück so behandeln würde, wie landwirtschaftliche Helfer mit Hühnern umgehen, der würde vermutlich fristlos entlassen. Aber Henne und Hahn sind eben (fast) nichts wert… Für weniger als 3 Euro gibt es in den Gefriertruhen der Supermärkte ein Stück Geflügel – ein Kotflügel der A-Klasse, des kleinsten Mercedes, kostet hingegen als Ersatzteil mehr als 100 Euro.

Hühner werden getreten, geworfen und eingeklemmt – manchmal aus Wurstigkeit, manchmal aus Spaß an der Freude. Beine und Flügel brechen. Tiere sterben. Nicht erst beim „Ausstallen“, wenige Stunden vor der Schlachtung, sondern beim Impfen: Einer Tätigkeit unter tierärztlicher Regie, die eigentlich den Hühnern gesundheitlich zugutekommen soll. Eine Schubkarre wird an manchen dieser Tage zum landwirtschaftlichen Leichenwagen, der abends gehäuft voll ist – voller Kadaver.

Knapp 20.000 Hühner gackern, scharren und picken in einer Halle im nördlichen Westdeutschland. Dieser Produktionsbetrieb der Lebensmittelindustrie ist mit seinen 70.000 jungen Hennen und Hähnen, die später als Elterntiere für die Zucht von Mastgeflügel eingesetzt werden sollen, keiner der ganz großen Betriebe in Deutschland. Gerade in der Mast gibt es Unternehmen, die rund 50.000 Tiere in einer Halle halten. Das ist unvorstellbar viel – und mit viel Gestank verbunden.

Trotz des beißenden Geruchs und des Staubs tragen nicht alle landwirtschaftlichen Helfer eine Atemschutzmaske, wenn sie – begleitet von Tierarzt-Mitarbeitern – zum Impfen antreten. Denn die Atemschutzmasken, die bereitliegen, sind schweißtreibend und folglich unangenehm zu tragen. Billigprodukte – wie später die Suppenhühner und Brathähnchen, deren Preis sich der Produktionsprozess unterordnen muss.

Hier wird Billiglohn bezahlt. Wieviel sie konkret pro Stunde bekommen, geben die Mitarbeiter der eingesetzten Service-Truppe zwar nicht preis. Aber ihr Anführer, ein Bodybuilder-Typ mit Kurzhaarschnitt, droht ihnen bei Fehlverhalten mit drakonischen Geldstrafen – in Höhe von 5 Euro Lohn-Kürzung. Das zieht. Dementsprechend niedrig muss der Verdienst sein.

„Skorbuti“- ein moderner Wanderarbeiter, ganz unten

Vom jungen Erwachsenen bis zum Senior um das Rentenalter herum sind alle Altersklassen in der Truppe vertreten. Beim Blick in einige Gesichter wird Armut sichtbar – in Form von Zahnlücken. Einer, dessen Gebiss besonders dezimiert ist, wird „Skorbuti“ gerufen. Alltägliches Mobbing am untersten Ende der Karriereleiter.

Die meisten jüngeren Impfhelfer fallen vom äußeren Erscheinungsbild her in die Kategorie „Nazi-Hooligan“. Aus den Gesprächen untereinander sind Stichworte wie „Führer“ und „Gauleiter“ zu vernehmen. Einer wird – warum auch immer – „Adi“ genannt, angelehnt an „Adolf“, wie nun mal auch Hitler hieß. Außerdem wird über „Knarren“, Schlagringe und Butterfly-Messer gefachsimpelt. Zwischendurch grölt einer „Dynamooo, Dynamooo, Dynamooo“. Keltenkreuz, Triskele (dreigliedriges Hakenkreuz) und Thorshammer werden auf Unterarmen und Händen als Tattoos zur Schau gestellt. Zum Dienstbeginn erscheinen manche in „brauner“ Szene-Kleidung von Marken wie Thor Steinar und Ansgar Aryan.

Gearbeitet wird aber uniform: wahlweise in Latzhose oder im Overall. Die Hygiene-Vorschriften schreiben es vor, dass vor Betreten des Hühnerstalls geduscht und die Kleidung – inklusive Unterhose und Socken – gewechselt werden muss. Und zum Feierabend gibt’s dieselbe Prozedur umgekehrt. Das wird „Ausduschen“ genannt. Wie es sich mit diesem Hygiene-Standard verträgt, dass zwei Tage lang ein- und dasselbe Handtuch auf beiden Seiten der Dusch-Schleuse verwendet werden muss, fragt sich hier offenbar niemand.

Geimpft wird im Akkord. Am Morgen werden die Tiere mithilfe eines Netzes im hinteren Viertel oder Fünftel der Halle zusammengetrieben. Wird zu eng zusammengetrieben und die Tiere bekommen Panik, dann gibt es Tote, weil die Hühner gewissermaßen wie die Bremer Stadtmusikanten übereinander springen und die jeweils unteren ersticken.

Zweimal piekst es – dann bleibt den Hühnern die Luft weg

Links und rechts des hallenbreiten Netzes werden Metall-Zäune in Stellung gebracht – so genannte Fanggitter. In sie wird jeweils eine Ladung Hühner hineingetrieben, bis die Umzäunungen gestopft voll sind. Dann steigen „Pflücker“ hinein, welche die Tiere an den Flügeln packen und nach draußen reichen, wo jeweils drei Teamkollegen warten. Dort erwartet die Hühner eine erste Spritze – je nach Impfung sogar eine Doppelspritze mit zwei Nadeln. Dann packte der nächste die Flügel: Es folgt noch eine Spritze, teilweise wieder mit zwei Nadeln. Währenddessen schreien die Hühner wie am Spieß. Bei etwas älteren Hühnern klingt das panische Krächzen von den Lauten her wie ein heißeres „Au, Au, Au“, das abrupt verstummt, wenn der vierte Mann im Impf-Team zupackt – am Hals. Als letztes bekommen die Hühner nämlich Augentropfen. Auch das ist eine Impfung.

Geimpft wird gegen Pocken und andere Hühnerkrankheiten. Nicht einmal die Tierarzthelfer wissen, gegen was alle Impfstoffe wirken – einer der Stoffe sei ganz neu, erzählen sie. Aber sie wissen, wie sie die Mittel mischen  müssen. Sie führen genau Buch, welches kleine Fläschchen wie oft verbraucht wurde. Ein paar Milliliter Impfstoff reichen teilweise für 1000 Hühner.

Der Antibiotika-Verbrauch soll gesenkt werden

Die Immunisierung soll helfen, den Antibiotika-Einsatz zu reduzieren – auf dass Geflügel-Esser im Krankheitsfall nicht das Problem bekommen, dass das ärztlich verordnete Antibiotikum nicht mehr wirkt. Wie gezielt und damit eingeschränkt Antibiotika eingesetzt wird, das wissen nur die Tierärzte. Es kommt allerdings vor, dass Farmen Antibiotika an die Praxis zurückgeben – was nicht passieren dürfte, wenn es gezielt verordnet und vorschriftsmäßig eingesetzt worden wäre. Oder beendet die Schlachtung manchen Antibiotika-Einsatz noch bevor der Behandlungszyklus abgeschlossen ist? In der Tierarzt-Apotheke hängt eine Liste, was alles an Antibiotika auf Lager ist: Ampicillin, Aviapen, Belacol, Colistinsulfat, Enro Sleecol, Methoxasol, Octacillin, Phenoxypen, Pyanosid, Soludox, Sulfacloxin Na und Tylan soluble. Hinzu kommen Impfstoffe und Vitamine.

Die Wartezeit im dichten Gedränge nicht mitgerechnet, ist die Impf-Prozedur für jedes Huhn in 10 bis 15 Sekunden vorbei. Zwei bis vier Sekunden hält jeder in der Viererkette das Tier in Händen, dass sich im schlimmsten Fall schon davor ein Bein oder einen Flügel gebrochen hat, weil das Körperteil unter dem Metallgitter eingeklemmt wurde. Das wird billigend in Kauf genommen. Immer wenn einige Hühner abgefertigt sind, wird gegen das Fanggitter getreten, um den Raum zu verkleinern, damit die „Pflücker“ wieder schneller zupacken können. Wer das Gitter nur mit dem Fuß enger schiebt, wird ermahnt: „Nicht so zaghaft!“ Dagegen treten solle man, so dass die Hühner hinter dem Gitter durch die Luft fliegen – „wie beim Fußball“. Auf den Hinweis, dass sich dabei aber schon einige Tiere die Füße gebrochen hätten, meint einer der Tierarzthelfer kurz: „Heilt wieder.“ Oder auch nicht…

Impfen kann tödlich sein

Leben und Tod liegen in Hühner-Fabriken nah beieinander.

Leben und Tod liegen im Halbdunkel der Hühner-Fabriken nahe beieinander. Ein weiterer Screenshot aus verdeckt gedrehtem Videomaterial.

Für einige Hühner endet das Leben unmittelbar nach dem Impfen, wenn eine Nadel sich an der falschen Stelle hineinbohrt. Die Männer mit den Spritzen sollen in zwei bis vier Sekunden zugreifen, zustechen und weiterreichen – 4000 bis 5000 Mal am Tag. Die Nadel oder die zwei Nadeln sollen dabei jedes Mal auf halber Körperhöhe des Tieres, rund einen Zentimeter links oder rechts des Brustbeins treffen. In dem Bereich, der später als Hühnerbrust verspeist wird. Das Einstechen mit der Doppelspritze fühlt sich so ähnlich an, wie das Zustechen mit der Gabel nach der Zubereitung. Mit dem Unterschied, dass hier das Huhn noch zappelt und schreit.

Beim fließbandmäßigen Weiterreichen wird zwangsläufig schnell zugepackt. Dabei brechen Federn. Plötzlich reicht ein Tierarzt-Helfer ein Huhn an einem Flügel. „Aufpassen, Flügelbruch“, kommentiert er sinngemäß. Und tatsächlich: Der linke Flügel ist in der Mitte durchgebrochen, so dass es blutet. Ein anderes Huhn hat eine offene Stelle an der Brust, aus der Blut tropft. So ein Tier wird – nach den Augentropfen – einfach zu Boden geworfen, ohne dass sich jemand um die Verletzungen kümmern würde. Hühnern, die mit gebrochenem Fuß aufgeplustert dasitzen, ergeht es genauso. Einmal schnappt sich einer so ein Huhn und zieht am verletzten Fuß. Aus purem Sadismus.

So dauert der Hühnerwahnsinn 7, 8 oder 10 Stunden lang – je nachdem, wie viele Tiere pro Tag geimpft werden müssen. 17.000 bis 24.000 Stück sind eine gängige Größenordnung. Dieses Programm wird mit 16 bis 20 Leuten bewältigt. Weil’s so anstrengend ist, bekommen die Tierarzt-Helfer an solchen Tagen eine Bonuszahlung von bis zu 120 Euro. Wer zehn Tage im Monat impft, kann sein Grundgehalt, das um den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde herum liegt, fast verdoppeln.

„Max und Moritz“ in der Gegenwart?

Manchen Mitgliedern der Service-Truppe, die außer Impfungen auch Einstallungen und Ausstallungen durchzieht, macht es Freude, die Hühner zu quälen. Sie bewerfen sich mit den weißen Hühnern gleich einer Schneeball-Schlacht. Manche treten besonders brutal gegen die Tiere, wenn sie hinter dem Netz vorwärts getrieben werden. Einer zieht gar wild an Flügeln und Beinen von einem Huhn, dass er sich ohne jeden Grund geschnappt hat. Zum Zeitvertreib. Insbesondere das Heben der rechten Kralle, was wohl einen Hitlergruß symbolisieren soll, bereitet ihm großen Spaß. Ob solche Typen „nur“ verhaltensgestört sind oder auch unter Drogeneinfluss stehen, lässt sich nicht klären. Ein paar dieser modernen Wanderarbeiter, die von Hühnerstall zu Hühnerstall reisen, wirkt jedenfalls extrem überdreht.

Sie sind während ihrer Einsätze in Ferienwohnungen kaserniert. Die einzige Frau im Team entschuldigt sich an einem Tag bei einem Kollegen, dass sie zwischen zwei Schichten in seinem Bett geschlafen habe – sie habe es anschließend aber neu bezogen, betont sie. Manche arbeiten auch zwei Schichten am Stück: Erst wird, ungefähr ab Mitternacht, ausgestallt. Ab 8 Uhr geht es in einem anderen Betrieb mit Impfen weiter.

Wer unter solchen Bedingungen arbeitet, scheint teilweise jede Achtung vor den Lebewesen zu verlieren. So amüsieren sich einige, als ein Farmmitarbeiter mit einem Fangeisen durch die Halle patroulliert. Er sucht Hähne. Im Kükenalter werden Hühner und Hähne sortiert, wie er erklärt. Den Hähnen wird die hintere Kralle an beiden Füßen abgeschnitten. Hähne mit Kralle sind folglich „Sortierungsfehler“. Er schlägt ihnen auf der Stelle auf den Kopf und dreht ihnen dann den Hals herum.

Sortierungsfehler sind das Todesurteil

„Schau mal, wie viele der ,geheilt‘ hat“, lästert ein Tierarzt-Helfer und deutet auf eine Ansammlung toter Tiere hin. Rund ein Prozent des Bestandes seien solche „Sortierungsfehler“, erläutert der Farmmitarbeiter. Bei 70.000 Tieren pro Bestand, bringt er folglich während der 22-wöchigen (?) Aufzucht zum Elterntier 700 Hähne um. Sie sind Abfall und werden im Schubkarren abtransportiert. Sie zu essen, sei nicht möglich, sagt er auf Nachfrage. Erstens seien sie oft nur ein Kilo schwer, so dass schlicht „zu wenig dran“ sei. Zum Anderen laufe auch ein paar Wochen nach einer Impfung immer noch eine weiße Flüssigkeit aus der Brust, wenn man so ein Tier aufschneide.

Auch die Arbeiter selbst leiden unter diesen Produktionsbedingungen. Sie sind den ganzen Tag lang ohrenbetäubendem Angstgeschrei der Hühner ausgesetzt, in einem Stall mit beißendem Gestank, in den kein Tageslicht dringt. Damit die Hühner nicht zu aktiv sind, ist das Licht auch noch gedimmt. Hinzu kommt die stupide Akkordarbeit. Insofern könnte man für das Aggressionspotenzial, das hier manche auch im gegenseitigen Umgang offenbaren, fast schon Verständnis bekommen. Zudem wird ihnen mitunter zerschlissene Arbeitskleidung zugemutet, die teilweise auch nicht richtig passt – das betrifft die Gummistiefel ebenfalls. All das stellt – mehr oder weniger ausreichend – das Agrarunternehmen, das die jeweilige Farm betreibt. Und es scheint überall gespart zu werden.

Immer am Geschehen beteiligt, in der Funktion der Anleiter und als Akteure in den Impf-Trupps: Mitarbeiter einer Tierarzt-Praxis, die sich eigentlich dem Tierwohl verpflichtet fühlen sollten – faktisch aber tierische Verletzungen einkalkulieren und hinnehmen. Was ist schon so ein Broiler wert?! Was zählt, ist, dass im Stall keine Seuche ausbricht. Dann ist dem Tierwohl in der industriellen Massentierhaltung offensichtlich genüge getan.

Im Einsatz für die Tiergesundheit?

Um dieses Ziel zu erreichen, werden die Geflügelbestände regelmäßigen Gesundheitskontrollen unterzogen. Die Proben nehmen wiederum die Tierarzthelfer vor, die auch die Impfaktionen leiten. Als da wäre der „Sockentest“ zum Salmonellen-Monitoring. Dabei werden jeweils vier Vlieshauben über die Gummistiefel gezogen und jeweils eine über die Handschuhe. Vlieshauben, die mit einer Flüssigkeit getränkt sind.

In dieser Montur sollen die Tierarztmitarbeiter eigentlich durch den gesamten Stall laufen, wobei mit den Händen beispielsweise die Wände und die erhöhten Sitzgelegenheiten der Hühner berührt werden sollen. Wenn die Zeit knapp ist, wird aber nur die Hälfte des ersten Gangs abgeschritten, obwohl es sogar drei Gänge voller Hühner gibt. Auf dem Rückweg werden Kotproben genommen, deren Radius folglich ebenfalls beschränkt bleibt.

Daneben sollen die Hühner auf Atemwegserkrankungen untersucht werden. Die entsprechende Probe aus der Luftröhre beziehungsweise dem Lungenbereich wird mit einem Trachealtupfer genommen. Er sieht aus wie ein Wattestäbchen, das zum Ohrenputzen verwendet wird. Er ist allerdings 20 Zentimeter lang. Um mit ihm in die Luftröhre zu gelangen, wird das Huhn zwischen die Oberschenkel geklemmt. Dann fährt eine Hand am Hals nach oben und dreht den Kopf um mehr als 90 Grad, wobei der Zeigefinger in den Schnabel geklemmt wird. Wenn das Huhn atmet, wird die Öffnung der Luftröhre sichtbar. Dort muss der Tupfer rein und dann schnell auf und ab bewegt werden. Blutverschmiert wird der Tupfer wieder herausgezogen, um ihn hernach in vier weitere Hühner zu stecken. 25 Hühner pro Stall sind eine gängige Zahl für diese Probe – das heißt, es kommen fünf Tupfer ins Labor.

Bis zu drei Trachealtupfer in einen Hühnerhals

Wenn es ein Mitarbeiter eilig hat, beprobt er aber nur 10 statt 25 Hühner. Fünf dieser Hühner werden zwei Tupfer gleichzeitig in die Luftröhre gesteckt, den anderen drei Hühnern gar drei Tupfer – ebenfalls gleichzeitig. Im Labor ist dieser Betrug angeblich nicht feststellbar, der Außendienstmitarbeiter spart auf diese Weise Zeit. Die Folge: Der Tierbestand ist schlechter kontrolliert, als vom Farmeigentümer beauftragt und bezahlt. Und das Huhn, dem bis zu drei Tupfer in der Luftröhre schnell auf und ab bewegt werden, leidet.

Darüber hinaus nehmen die Tierarzthelfer Blutproben. Hühner, die soeben ein bis drei Trachealtupfer in der Luftröhre hatten, bekommen dabei noch Federn unter einem Flügel ausgerissen. Bis die Vene sichtbar ist. Während eine Hand den Flügel fixiert, sticht die andere Hand mit einem Skalpell die Ader an. Das erfordert Fingerfertigkeit. Denn dieselbe Hand muss das Reagenzglas halten, das zu knapp einem Drittel mit Blut gefüllt werden soll.

Auch hierbei gibt es aber einen Zeitsparmodus: Dann wird das Reagenzglas ganz gefüllt und das Blut eines Huhns auf zwei weitere Gläser verteilt. Statt 30 Hühnern wird auf diese Weise beispielsweise nur zehn Hühnern Blut abgenommen. Um nicht erwischt zu werden, sitzt der Tierarzthelfer so, dass er die Eingangstür des Stalles im Blick hat. Ein Restrisiko lauert in Form der Kameras, die im Stall an unbekannter Stelle angebracht sind – vermutlich eher zur Abwehr von filmenden Tierschützern, als zur Kontrolle der Tierarzthelfer.

Kameras, Fotoapparate und Handys sind verboten

Im Eingangsbereich fast aller Ställe gibt es übrigens Verbotsschilder: Verboten ist das Filmen und Fotografieren beziehungsweise das Mitführen eines Handys. Warum wohl? Weil drinnen beispielsweise tausende Hühner anzutreffen sind, denen im hinteren Drittel des Körpers beziehungsweise der hinteren Hälfte die Federn fehlen. Von den Flügeln sind in Teilen nur noch skelettartige Reste übrig – bestehend aus Federkielen. Laut einem Tierarzthelfer liegt das nur an der Mauser… Aber wohl nicht nur. Denn warum müsste sonst das Licht gedimmt werden, damit sich die Tiere nicht so sehr gegenseitig picken?

Je größer die Tiere werden, desto enger wird es im Stall. In Mastanlagen wird zwischendurch mit einem so genannten „Vorgriff“ wieder für etwas Platz gesorgt: Das gibt dann die kleineren „Hähnchen“, die sich – ein gutes Kilo schwer – in den Kühltheken der Supermärkte finden. Das Stück für weniger als drei Euro. Suppenhühner sind noch billiger. Auch für Elterntiere, die das eigentliche Mastgeflügel liefern, endet das Leben nach gut einem Jahr in der Großschlachterei. Wenn bis dahin keine Seuche ausgebrochen ist, haben die Tierärzte und ihre Helfer einen guten Job gemacht – aber nur bedingt zum Wohl der Tiere gewirkt.

So investiert Europa in ländliche Gebiete

Die Billigheimer unter den Verbrauchern sind aber nicht die einzigen, die diese tierquälerische Praxis ermöglichen und unterstützen. Wer in industrielle Geflügel-Massentierhaltung investiert, kann Geld von der Europäischen Union bekommen. Als Dankeschön hängt nachher – außer dem Warnhinweis bezüglich eines Wachhundes – ein Schild am Stall: „Europäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums:  Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete.“